
Jakob in Neuseeland
Ein Jahr bei Schafen und Kiwis! Neuseeland - wer hat Leute nicht schon davon schwärmen gehört: Wunderschöne unberührte Natur, Herr der Ringe, viele Schafe, nette, aufgeschlossene Menschen und ein unkomplizierter, entspannter Lebensstil.
Als ich begann, mir Gedanken über einen Auslandsaufenthalt während der Vorstufe zu machen, stolperte ich jedenfalls schnell über solche Berichte. Bald hatte mich Neuseeland in seinen Bann gezogen. Dort und nirgendwo anders wollte ich mein Auslandsjahr verbringen. Ich begann zu recherchieren, orderte viele Prospekte und verglich die Angebote. Eine Organisation namens STS machte einen guten Eindruck auf mich und hatte glücklicherweise auch noch freie Plätze für Neuseeland. Ich bewarb mich also und wurde nach Bewerbungsessay und Auswahlinterview auch ins Programm aufgenommen. Auf viele Fragebögen folgte dann das Warten auf eine Gastfamilie, unterbrochen von einem Vorbereitungstreffen. Zwei Wochen vor meinem Abreisetermin erfuhr ich schließlich, wo es eigentlich hingehen sollte:
Tapanui als ländlich zu bezeichnen wäre fast schon eine Untertreibung: Im Südosten der Südinsel am Fuße der Blue Mountains gelegen, umgeben von hügeligem Grasland auf dem Kühe und Schafe weiden, war es mit seinen etwa 800 Einwohnern nicht gerade das Traumziel eines jeden Austauschschülers. Dennoch war es der Hauptort West Otagos, das es mit seinen vielen Farmen und noch kleineren Ortschaften dann doch auf einige tausend Einwohner brachte. Eigentlich fand man in Tapanui auch fast alles, was man zum Leben brauchte und bis in die nächste größere Stadt (Gore - ca. 20.000 Einwohner) waren es auch nur gut 30 km.
Meine Gastfamilie bestand aus einem schon älteren Ehepaar mit vier Kindern, die aber alle schon erwachsen und ausgezogen waren. Dementsprechend viel Platz hatte ich zur Verfügung. Meine Gastmutter war pensionierte Lehrerin und Hobbygärtnerin, während mein Gastvater den lokalen Eisenwarenladen führte und in seiner Freizeit gern angelte oder Tischlerarbeiten nachging. Wir verstanden uns auf Anhieb blendend.

Mein STS Betreuer lebte auch nicht weit weg - bei der Größe des Ortes kein Wunder. Natürlich stand man so ein wenig unter Beobachtung, wurde aber auch sehr gut betreut. Passend zum Ort war auch die Schule nicht gerade groß. Jeder kannte und wusste alles über jeden. Der Unterrichtsalltag war eher entspannt und die Schuluniform sehr kleidsam. Man konnte sich anstrengen und gute Leistungen erbringen, musste es aber nicht. Ein Problem war die große Anzahl an Austauschschülern und die dadurch drohende Bildung von Parallelgesellschaften. Auch wenn man aus Deutschland kam, war man nichts Besonderes und das Finden einheimischer Freunde beruhte auf Eigeninitiative.
Mit der Zeit schaffte ich es aber, mich gut einzuleben. Dabei halfen mir das Softball Team (Ich hatte micht dagegeben entschieden, Rugby zu spielen, da ich mir nicht gerne weh tue.), der Wanderverein in Gore (Die anderen Teilnehmer waren zwar meistens mindestens dopplet so alt wie ich, aber die Ausflüge in die Wildnis waren trotzdem schön.), die Jugendgruppe der Kirche (Es war auch mal eine interessante Erfahrung mit meiner religiösen Gastfamilie fast jeden Sonntag den Gottesdienst zu besuchen), die örtliche Theatergruppe (Jedes Jahr wird in Tapanui ein Musical einstudiert.) und natürlich die Schule.
Größere Kulturschocks gab es eigentlich nicht. Lediglich an nicht vorhandene Zentralheizungen musste ich mich erst gewöhnen, denn trotz maritimen Klimas wurde es manchmal recht kalt und auf den Betten türmten sich regelrechte Deckenberge. Ich musste außerdem feststellen, dass es in Neuseeland kein Brot gibt, jedenfalls keines, dass in Deutschland nicht unter der Bezeichnung Toast laufen würde. Daran konnte man sich aber gewöhnen.
Durch Besuche bei meinen Gastgeschwistern, Ausflügen mit meiner Gastfamilie und der Schule und natürlich die sehr schönen STS Rundreisen mit vielen anderen Austauschschülern bekam ich auch eine ganze Menge von Neuseeland zu sehen. Einen Kiwi (Der Vogel ist Nationalsymbol und der Grund dafür, dass sich Neuseeländer oft Kiwis nennen. Die Frucht hat damit nichts zu tun.) bekam ich aufgrund seiner Seltenheit und Nachtaktivität aber leider nur in Gefangenschaft zu Gesicht.
Auch alle, die denken, es sehe in Neuseeland wirklich überall so aus wie in Lord of the Rings, muss ich leider enttäuschen. Natürlich gibt es unglaublich viele relativ unberührte und wirklich atemberaubend schöne Gegenden, aber eben auch unspektakuläre Landschaften und vom Menschen zerstörte Natur.
Doch auch wenn Neuseeland vielleicht nicht allen Klischees voll gerecht wird, kann ich einen Auslandsaufenthalt dort jedem nur empfehlen. Ich habe viele neue Erfahrungen gesammelt, mehr Selbstbewusstsein und soziale Kompetenz entwickelt, mein Englisch erheblich verbessert, viel Schönes gesehen und natürlich viele neue Freunde gefunden. Ich persönlich war auch mit STS sehr zurfrieden und kann STS ebenfalls nur weiter empfehlen.
Ein Jahr nach meiner Rückkehr nach Deutschland war ich auch schon wieder zurück am anderen Ende der Welt und verbrachte meine Sommerferien in meinem zweiten Zuhause. Es war wunderbar, alle wieder zu sehen. Im Juni 2007 besuchten mich dann meine Gasteltern in Deutschland und inzwischen plagt mich öfters wieder recht heftiges Heimweh. Eine weitere Reise gemeinsam mit meinen Eltern im Frühjahr 2009 ist aber schon in Planung.

Momentan studiere ich in Dresden Internationale Beziehungen, ein Studiengang, für den mich unter anderem auch mein Austauschjahr begeistert hat. Vielleicht führt mich ja sogar ein Beruf, den mir dieses Studium ermöglicht eines Tages zurück zu Schafen und Kiwis nach Aotearoa, ins Land der langen weißen Wolke.
Jakob Hauter, 2004/2005 mit STS in Neuseeland


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